Wenn Wechselkurse verrücktspielen

Der Franken-Schock, der Flash Crash des Pfunds, der lange Absturz der Lira: dramatische Momente am Devisenmarkt und was ein Stärkeindex damals zeigte.

Wechselkurse zwischen langer Ruhe und plötzlichen Ausschlägen

Devisenmärkte sind meistens langweilig. Kurse bewegen sich um Bruchteile eines Prozents, Händler trinken ihren Kaffee, und nichts schafft es in die Abendnachrichten.

Alle paar Jahre passiert dann aber etwas Wildes. Hier sind einige der dramatischsten, kuriosesten und schmerzhaftesten Momente der letzten Jahre und das, was ein Währungsstärkeindex jedem gezeigt hat (oder gezeigt hätte), der hinsah.

Das Schweizer Erdbeben (Januar 2015)

Jahrelang hielt die Schweizerische Nationalbank (SNB) EUR/CHF bei einer Untergrenze von 1,20. Händler sahen darin eine Garantie, manche bauten gehebelte Wetten darauf.

Am 15. Januar 2015 gab die SNB die Untergrenze ohne Vorwarnung auf. Der Franken stieg gegenüber dem Euro innerhalb von Minuten um 30%. Einige Broker gingen pleite, manche Händler verloren ihre Ersparnisse, und Schweizer Exporteure hatten plötzlich eine viel teurere Währung.

Was der Index zeigte: Bis zu diesem Tag bewegte sich der CHF im Gleichschritt mit dem Euro, ungefähr in der Mitte des Korbs. Im Monat vor dem Schock verloren beide 0,7% gegenüber dem Korb. Dann gewann der Franken innerhalb von zwei Handelstagen rund 17% gegenüber dem Korb und war mit großem Abstand die stärkste Währung darin. Der Sprung war gegenüber jeder Währung sichtbar, nicht nur gegenüber dem Euro. Vorwarnen konnte der Index allerdings nicht: Eine Untergrenze, die eine Zentralbank verteidigt, verdeckt den Druck bis zu dem Tag, an dem sie fällt.

Der Flash Crash des Pfunds (Oktober 2016)

Am 7. Oktober 2016 um 7:07 Uhr Tokioter Zeit fiel das britische Pfund in zwei Minuten um 6%, von 1,26 auf 1,18 Dollar. Innerhalb weniger Stunden holte es den größten Teil wieder auf.

Warum, weiß bis heute niemand genau. Die einen machten außer Kontrolle geratene Handelsalgorithmen verantwortlich, die anderen einen Vertipper bei einer Order. Die Bank of England untersuchte den Fall und kam zu dem Schluss, dass dünne Liquidität und automatisierte Verkäufe zusammenkamen.

Was der Index zeigte: Das GBP war schon seit dem Brexit-Referendum vier Monate zuvor die schwächste Währung im Korb und lag am Vorabend des Crashs rund 14% gegenüber dem Korb im Minus. Der Flash Crash war dramatisch, aber nur ein Symptom. Die Schwäche stand seit Juni im Diagramm.

Die türkische Lira: ein Absturz in Zeitlupe

Die Lira brach nicht an einem Tag ein, sie schmolz über Jahre. 2015 kostete ein US-Dollar etwa 2,7 Lira, 2023 waren es 27. Das ist ein Wertverlust von 90%.

Die Ursachen waren eine Mischung aus unkonventioneller Geldpolitik (Zinssenkungen trotz hoher Inflation), politischer Einflussnahme auf die Zentralbank und schwindendem Vertrauen der Anleger.

Was ein Index gezeigt hätte: FX Compass führt die Lira nicht, aber in jedem Korb, der sie enthielte, hätte sie Jahr für Jahr ganz unten gestanden. Einzelne Paare schwankten, das Gesamtbild zeigte einen stetigen Absturz. Womit man sie auch verglich, die Lira verlor.

Die Lira zeigt, was passiert, wenn Geldpolitik lange genug gegen den Markt ankämpft: Am Ende verliert die Währung.

Der lange Abschied des Yen (2021 bis 2024)

Der Absturz des Yen kam schleichend und ist trotzdem verblüffend. Im Januar 2021 bekam man für einen Dollar etwa 103 Yen, Mitte 2024 waren es 160. Das ist eine Abwertung um 35%.

Für Japaner wurden Auslandsreisen teuer, während Besucher in Japan günstiges Sushi und bezahlbare Hotels genossen.

Was der Index zeigte: Der JPY verlor gegenüber allem, nicht nur gegenüber dem Dollar. In diesen dreieinhalb Jahren büßte er rund 26% gegenüber dem Korb ein und landete auf dem letzten von 16 Plätzen, im Minus gegenüber Euro, Pfund, australischem Dollar und sogar Schwellenländerwährungen wie Złoty und Forint. Es war eher die Geschichte eines schwachen Yen als die eines starken Dollars.

Der Euro an der Paritätsgrenze (2022)

2022 fiel der Euro zum ersten Mal seit 20 Jahren unter die Parität zum US-Dollar, im September berührte EUR/USD 0,9536. Für Europäer auf USA-Reise war der Kurs schmerzhaft.

Dahinter standen die Energiekrise nach Russlands Einmarsch in die Ukraine und die aggressiven Zinserhöhungen der Fed.

Was der Index zeigte: Das Bild war weniger dramatisch, als EUR/USD vermuten ließ. Gegenüber dem Dollar war der Euro tatsächlich schwach, aber gegenüber Yen, schwedischer Krone und einigen mitteleuropäischen Währungen legte er zu. Von Januar bis Ende September verlor er gegenüber dem Korb nur rund 1%, während der Dollar 18% gewann. Der Index zeigte einen mäßig schwachen Euro, keinen abstürzenden.

Was diese Episoden gemeinsam haben

Jedes Mal lieferte ein einzelner Wechselkurs ein unvollständiges, manchmal sogar irreführendes Bild.

  • Der Franken lief bis zum Fall der Untergrenze im Gleichschritt mit dem Euro und sprang dann in zwei Tagen um 17% gegenüber dem Korb.
  • Der Flash Crash des Pfunds war Rauschen auf einer Schwäche, die seit Monaten sichtbar war.
  • Der Absturz der Lira war breit und stetig, lange bevor er Schlagzeilen machte.
  • Der Yen fiel gegenüber allem, nicht nur gegenüber dem Dollar.
  • Der „Absturz“ des Euro 2022 war eine mäßige Schwäche. Der Ausreißer war der Dollar.

Wie stehen Ihre Währungen heute? Sehen Sie sich den Stärkeindex live auf FX Compass an. Er wird an jedem Handelstag mit den Referenzkursen der Zentralbanken aktualisiert.

Diese Zeiträume im Dashboard

Diese Links öffnen das Dashboard mit den passenden Währungen und Daten:

Devisenmärkte können wild, komisch und beängstigend sein. Ein Stärkeindex sagt den nächsten Schock nicht voraus, aber er liefert das Gesamtbild, auf das sich Zentralbanker und institutionelle Händler schon immer gestützt haben, und heute kann ihn jeder nutzen. Wenn Ihnen das nächste Mal jemand erzählt, der Euro stürze ab, werfen Sie zuerst einen Blick auf den Index. Vielleicht sind Sie überrascht.

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